Ist der Konfuzianismus eine Religion?
von: Erling Weinreich
Kann der Konfuzianismus als Religion bezeichnet werden? – Für einen Nicht-Theologen ist diese Frage nur schwer zu beantworten, denn wer weiß schon, was genau eine Geistesströmung oder Bewegung eigentlich auszeichnen muß, um als Religion bezeichnet zu werden?
Wenn man den Brockhaus konsultiert, liest man unter dem Eintrag Religion:
“Begriff, der eine Fülle histor. Erscheinungen bezeichnet, denen ein spezif. Bezug zw. dem “Transzendeten” einerseits und dem Menschen andererseits in einer deren Verhalten normativ bestimmenden Weise zugrundeliegt.”
Daß es sich beim Konfuzianismus um eine “die Gesellschaft strukturierende Kraft” handelt, kann nicht bezweifelt werden, nur: Wo genau spielt eigentlich das “Transzendente” im Konfuzianismus eine Rolle?
Der bekannte Theologe Hans Küng zieht sich ein wenig aus der Affäre, denn er nennt den Konfuzianismus eine “Religion weisheitlichen Charakters” und spricht von Konfuzius als dem “religiösen Typus des Weisen”. Transzendentes ist an sich in der chinesischen Volksreligion leicht auszumachen, es gibt Schamanen, Opferkulte, Geistwesen, ekstatische Kulte uv.m. Doch im Konfuzianismus gibt es all dies ja gerade nicht. Der einzige Bezug zum “Unsterblichen” ist vielleicht sogar die “Ahnenverehrung” – der Familienkult als Ort der Unsterblichkeit, des Weiterlebens nach dem Tod.
Im chinesichen Altertum konzentrierten sich alle Denkschulen im wesentlichen auf die zwei Fragen: Welchen Stellenwert hat der Mensch im Universum? (> Sinn des Lebens) Und: Wie finden die Menschen eine soziale Ordnung und Harmonie? (Wir würden das wahrscheinlich “Humanismus” nennen.) Es dreht sich alles um die moralische Verantwortung des Menschen zur rechten Gestaltung von menschlichen Beziehungen und der politischen Ordnung. Doch wenn man die konfuzianischen Schriften richtig liest und beim Wort nimmt, wird klar, dass sie doch einen transzendenten Bezug haben und man von einer “konfuzianischen Spiritualität” sprechen muß: Denn die Harmonie unter den Menschen wird ja aus einer Harmonie des Himmels abgeleitet – Die moralische Ordnung entspringt der kosmischen Ordnung und wird ihr gleichgesetzt (“Wille des Himmels”). Wie oft ruft schließlich auch Konfuzius den Himmel (“Tian”) an!
Trotzdem: In den zwei Jahrtausenden seines Bestehens konnte der Konfuzianismus in China die religiösen Bedrüfnisse des Menschen, die “meta-empirische Ebene”, nicht befriedigen. Dafür waren in China seit je her Buddhismus und Taoismus zuständig. Für Chinesen war es deswegen noch nie ein Widerspruch, gleichzeitig Konfuzianer, Taoist und Buddhist zu sein – denn letztlich sind alle drei für verschiedene Lebensbereiche zuständig.
So hat der Kaiser Xiaozong der südlichen Song-Dynastie (1163-1189) einmal gesagt:
“Der Buddhimus ist für den Geist zuständig, der Taoismus für den Körper und der Konfuzianismus für die Gesellschaft”.*
*Dieses Zitat findet sich in der Schrift “San jiao ping xin lun” des Li Mi (Diese Schrift fiel mir vor kurzem dank eines glücklichen Zufalls im Lingyin si in Hangzhou in die Hände).
Dort werden übrigens noch eine Reihe anderer bildhafter Vergleiche herangezogen. Interessant auch der folgende:
“Der Konfuzianismus kümmert sich um die Haut des Menschen, der Taoismus um seinen Blutkreislauf und der Buddhismus um sein Knochenmark”.
Siehe auch: Christianity and World Religions: Disputed Questions in the Theology of Religions: An Introduction to the Theology of Religion. In diesem Buch setzt sich der bekannte Theologe Hans Küng im Dialog mit Julia Ching, Professorin für Religionswissenschaft, intensiv mit Konfuzianismus, Taoismus, Buddhismus und chinesischer Volksreligion auseinander. Das Buch zeigt, wie fruchtbar der Austausch der christlichen Religion mit den Religionen Chinas sein kann.