Wei Zhengtong: Ist der Konfuzianismus eine Religion?
Quelle: Wei Zhengtong: Überblickhafte Erörterung der chinesischen Kultur [Zhongguo wenhua gailun]. Taipei, 1991. S. 95-100.
Übersetzung: Erling Weinreich.
Spätestens seit der Zeit der Nördlichen und Südlichen Dynastien im 5.und 6. Jahrhundert ist uns der in bezug auf Konfuzianismus, Buddhismus und Taoismus geprägte Ausdruck: “Die drei Religionslehren” [san jiao] geläufig.
Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Anhänger der neuen Geistesströmungen den Konfuzianismus angriffen, konzentrierten sie sich dabei hauptsächlich auf die Forderung nach der Abschaffung der Himmelsopfer, der Ahnenverehrung und des Konfuzius-Kultes.
Beides kann als Beleg dafür dienen, dass der Konfuzianismus in China als Religion betrachtet wird.
In der Neuzeit finden sich aber auch Vertreter der Meinung, dass der Konfuzianismus nicht als Religion anzusehen ist. Einer der Hauptvertreter dieser Meinung ist das Christentum. Wenn man das Christentum als allein gültiges Muster einer Religion ansieht und den Konfuzianismus an seinem Vorbild misst, dann ist klar, dass aus einer solchen Betrachtungsweise heraus der Anteil dessen, was am Konfuzianismus als religiös bezeichnet werden kann, gering ist.
Weitere Vertreter dieser Meinung finden sich unter denjenigen Gelehrten, die den Konfuzianismus nur als eine unter den zahlreichen philosophischen Schulen der Vor-Qin-Zeit betrachten. Da es unter den Weltreligionen jedoch keine gibt, die man auf eine einzige philosophische Schule reduzieren könnte, liegt auf der Hand, dass der Konfuzianismus, wenn er als eine solche Schule betrachtet wird, keine Religion sein kann.
Diese beiden Betrachtungsweisen greifen jedoch zu kurz.
Jede Kulturform des Menschen ist nur vor dem Hintergrund ihrer Entstehung zu verstehen. Dieser unterschiedliche Entstehungshintergrund hat dazu geführt, dass die Kulturen jeweils eigene Wege gegangen sind. Daher ist nur natürlich, dass die Religionen, die ja auch in einem spezifischen kulturellen Kontext entstanden sind, jeweils ganz eigene Formen angenommen haben.
Es gibt keinen Grund dafür, nur dem Christentum den Rang einer Religion zuzugestehen und diesen dem Konfuzianismus zu verweigern. Es gibt keine Meßlatte dafür, was als Religion anzusehen ist und was nicht.
Dass das Christentum behauptet, der Konfuzianismus sei keine Religion, hat einen ganz anderen Hintergrund: Die christlichen Missionare wollten nicht, dass er eine ist. Würden sie dem Konfuzianismus nämlich den Rang einer Religion zugestehen, wäre er damit automatisch ein weiteres Hindernis für ihre Missionierung Chinas. Das Christentum hatte in China erst dann eine Existenzberechtigung, als es behauptete, dass der Konfuzianismus keine Religion ist – man konnte schließlich nicht zulassen, dass ein so großer Anteil der Bevölkerung ohne Religion bleibt.
Nun zum zweiten Punkt: Wenn man behauptet, der Konfuzianismus sei nur eine philosophische Schule, so mag diese Auffassung aus Sicht der Philosophiegeschichte ihre Berechtigung haben. Nur dann, wenn man die philosophischen Schulen der Zeit als solche gleichberechtigt neben einander stellt, kann man sie objektiv vergleichen.
Aus meiner Sicht verhält es sich wie folgt: Der Konfuzianismus ist zwar eine Philosophie, aber er ist mehr als das. Er ist auch ein ethisches System und eine Sammlung kultischer Handlungen (Himmelsopfer, der Ahnenverehrung, Konfuzius-Kult). Würde man diese Faktoren außer Acht lassen, wäre man nicht mehr in der Lage, den ungeheuer breiten Einfluss des Konfuzianismus auf das Alltagsleben der Chinesen zu erfassen, geschweige denn seine Rolle in der chinesischen Tradition.
Der Unterschied zwischen Religion und Philosophie ist doch, dass der Einfluss einer Philosophie grundsätzlich immer Beschränkungen unterliegt. Der Einfluss einer Religion kennt solche Beschränkungen nicht: Wenn eine Gesellschaft sich einer Religion zuwendet, dann werden alle Elemente dieser Gesellschaft von ihrem Einfluss durchdrungen, von Politik und Wirtschaft bis hin zu Literatur und Kunst. Betrachtet man den Einfluss des Konfuzianismus in China aus dieser Perspektive, so wird deutlich, dass der Konfuzianismus eben nicht nur eine Philosophie ist, sondern alle Anzeichen einer Religion besitzt. Der Konfuzianismus ist, so bleibt festzuhalten, eine Religion – eine Religion chinesischer Prägung.
